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„Gäbe es kein „Eichholzer Täle", müßte man es erfinden!“
Aber die Waldheim-Idee hatte bereits nach dem ersten Weltkrieg der erste württembergische Jugendpfarrer und spätere Kirchenrat Wüterich. Er sah in diesen schweren Jahren nach dem Krieg eine wichtige Aufgabe der Kirchengemeinden darin, den Schulkindern während der Sommerferien die Möglichkeit zur Erholung und sinnvoller Freizeitgestaltung zu schaffen. Den speziellen Namen „Waldheim“ trugen damals im Land vor allem etliche schon im vergangenen Jahrhundert gegründete Vereinsheime mit Gaststätten. Später wurde dieser Name für die gesamte kirchliche und nichtkirchliche Stadtranderholungsarbeit in Württemberg übernommen. Der Name „Waldheim“ ist außerhalb Württembergs für die Stadtranderholungsarbeit weitgehend unbekannt geblieben.1948 wurde das erste Waldheim im „Eichholzer Täle" unter der Regie des Kirchenbezirks Böblingen und des CVJM Sindelfingen durchgeführt. Wir wissen es aus Erzählungen: auch in Sindelfingen entstand das Waldheim aus der Liebe zum Nächsten, aus der Not. Gesundheitliche und soziale Aspekte standen am Anfang lange Jahre im Vordergrund. Heute gehen die Kinder ins „Täle“ weil es für viele Familien ein hilfreiches Angebot bei der Ferienplanung bedeutet, und schon lange sind soziale und sozial-pädagogische Gesichtspunkte wesentlich für die Arbeit im Ferientagheim „Eichholzer Täle".
Das evangelische im Evangelischen Ferientagheim „Eichholzer Täle"
Waldheime, auch das Ferientagheim „Eichholzer Täle", sind keine Einrichtungen mit ausgeprägt „pädagogischem“ Charakter! Diese Orientierung wäre wohl auch sehr wissenschaftlich. Aber in den Waldheimen machen viele Menschen mit Menschen Erfahrungen, haben positive wie auch negative Erlebnisse. Sie sind sozial positiv eingestellt und handeln sozial-pädagogisch, im weitesten Sinne christlich!Pfarrer Werner Wolff, Waldheimleiter in Tailfingen von 1966 bis 1970, hat sich 1969 mit der Frage „Wieso evangelisches Waldheim?“ beschäftigt: „Was für eine Bedeutung hat das Wort „evangelisch“ im Blick auf die Betreuung der Kinder? Auch wenn es katholische Waldheime gibt, verstehe ich das Wort „evangelisch“ nicht im Sinne einer konfessionellen Abgrenzung, sondern von seiner ursprünglichen Bedeutung her. Mit dem Wort „Evangelium“ ist im Neuen Testament die gute Nachricht von der Liebe Gottes gemeint, von der Liebe, die allen Menschen gilt und die für jeden von uns in der Person Jesu da ist. Diese Liebe wird von dem angenommen, der sich im Glauben, im Zutrauen zu dem Wort und dem Tun Jesu von der Liebe Jesu anstecken läßt, seinem Mitmenschen ein Stück dieser Liebe weiterzugeben. Da, wo der Glaube nicht falsch verstanden wurde, haben Christen zu allen Zeiten diese Liebe im Dienst an ihrem Nächsten gelebt. Das aus dem griechischen stammende Wort „Diakonie“ meint diesen Dienst. Diakonie ist also nichts anderes als die Betätigung dieser aus dem Glauben stammenden Liebe. Die Betreuung der Kinder im Waldheim ist ein Stück Diakonie, gelebte christliche Nächstenliebe. Das ist für mich in dem Wort „evangelisch“ in unserem Zusammenhang enthalten. Damit ist der Spielraum angegeben, innerhalb dessen die Arbeit in einem Waldheim geschehen darf. „Evangelisch“ heißt also nicht in erster Linie Abgrenzung, sondern soll ein Offensein signalisieren, das aus dem Gehorsam gegen Gottes Gebot kommt. Ich nehme daher in unserem Waldheim grundsätzlich jedes Kind auf ohne Rücksicht auf seine Glaubensgemeinschaft... Evangelisch heißt für mich daher christlich, d.h. allein von Jesus Christus her zu begreifen und zu tun. Ein evangelisches Waldheim bekommt aus den Gründen seinen christlichen Charakter nicht dadurch, daß man neben allem anderen auch noch irgendwelche christliche Dinge betreibt. Nein, die Aufgabe der Betreuung und der Umgang mit Kindern darf aus christlicher Nächstenliebe heraus geschehen. Das ist umfassender und tiefer gehend, als wenn ich etwa Andacht, die Erzählung biblischer Geschichten, Tischgebet und Schlußgottesdienst zusammenzähle und das als Ausweis der Christlichkeit eines Waldheimes ausgebe.“
Waldheimarbeit im „Eichholzer Täle" - oder wie aus der Not Erlebnispädagogik wurde.
Die Liege als wichtiger Einrichtungsgegenstand eines Waldheimes: Sie besteht aus einem Stahlrohrgestell, zusammensteckbar, rot, blau oder gelb lackiert - je nach Größe - und mit einem starken, beigefarbenen Leinenbezug bespannt. Sie ist „Zeuge“ ungebrochener Tradition, hat sie doch bis heute „überlebt“ und ist deshalb in dem einen oder anderen Waldheim nicht nur zu besichtigen, sondern in Gebrauch: auf ihr wird noch geschlafen, gelesen, gespielt, getrampelt. 1956 hat Pfarrer Edmund Becker (55-69) in einem Spenden-Bittbrief geschrieben: „... ist es mir auch ein Anliegen, für die Kinder zur Mittagsruhe Liegen anzuschaffen. Darauf können wir nicht länger verzichten, wenn die Gesundheit der Kinder nicht gefährdet und die Erholung wirklich vollständig sein soll....“1968 hat Pfarrer Grüninger in einer Sitzung des Planungsausschusses des Gesamtkirchengemeinderates auf die „...katastrophalen hygienischen Verhältnisse im Täle“ hingewiesen. Schon 1967 hat das Gesundheitsamt die „Trockenaborte mit starker Geruchsbelästigung“ moniert.
Beide Beispiele zeigen: Gesundheitsvorsorge gehörte zu den wichtigen Aspekten der Arbeit im „Eichholzer Täle".
Initiative und Verantwortung
Interessant ist ein Vers aus „Das Lied von oder für jeden“ (Täle 69) im Hinblick auf die sich Ende der sechziger Jahre anbahnenden Veränderungen in der Gesellschaft und vor allem im pädagogischen Bereich:„Tagt die Täles „Führerei“,
so ist der Chef nie dabei,
und so ermuntert er sie
zu echter Demokratie“
Pfarrer Becker war der „Chef“ und hat 1970 diese Aufgabe abgegeben: Die Mitarbeiter haben in diesen Jahren das „Zepter“ in die Hand genommen. Und so hat vor nunmehr 27 Jahren (!) Wilfried Coulon mit anderen zusammen einen „Arbeitskreis Täle“ gegründet. Sicherlich auch dies in der den Waldheimen eigenen Tradition, Verantwortung immer wieder neu an auch junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter heranzutragen. Und welcher junge Mensch ist nicht stolz und damit unendlich motiviert, wenn man ihm etwas zutraut? Waldheimarbeit fordert Innovationen von seinen „Mitmachern“, wie es kein anderer Betrieb tut. 1970 hat der Arbeitskreis in einem Brief an den Kirchengemeinderat der Johanneskirche daran erinnert, daß „...Für diese Aufgabe (Leitung Täle) bis heute noch keine Kraft gefunden wurde...“ Er macht dann den Vorschlag, daß der neue Stelleninhaber der Pfarrerstelle Johanneskirche „...die Kinderstadtranderholung ... mit übernehmen könnte.“ Und sehr konstruktiv: „...Von unserer Seite würden wir dem neuen Pfarrer volle Unterstützung in dieser Arbeit zusichern.“ Dieser Arbeitskreis war im Oktober 1969 ins Leben gerufen worden. Nicht nur bei der Personalpolitik haben diese Leute mitgemischt, sondern sie gaben sich sehr basisnah: Sie erkannten die Notwendigkeit, daß „...die Mitarbeiter .... während des ganzen Jahres geschult und weitergebildet werden müssen.“ Sehr vorsichtig wurde von diesen Mitarbeitern in dieser Zeit versucht, in wichtigen Dingen sachlich mitzusprechen und mitzuberaten. Wilfried Coulon hat deshalb für den Arbeitskreis auch an die Arbeitsgemeinschaft Ev. Ferien- und Waldheime geschrieben und um Zusendung von Waldheim-Rundschreiben, Einladungen, Arbeitshilfen gebeten und sich gleichzeitig für sein Tun entschuldigt „...Herr Pfr. Becker benötigt seine Exemplare verständlicherweise selbst und zudem trifft sich unser Arbeitskreis nur in unregelmäßigen Abständen mit Herrn Pfr. Becker zu einem Gedanken- und Erfahrungsaustausch.“
Dieser Gedanken- und Erfahrungsaustausch war die Vorbereitung der Mitarbeiter der vergangenen Jahre. Der Arbeitskreis hat nun versucht Nägel mit Köpfen zu machen und dabei erkannt, daß der gleichzeitig bestehende Generationenkonflikt gelöst werden kann (und muß) durch die Chance einer Zusammenarbeit mit einem neuen Stelleninhaber.
Die „Pädagogik“ hält Einzug ins Täle!
Der Arbeitskreis „AK-Täle“ tat dies alles wohl unter dem Eindruck der Ereignisse der Studentenrevolutionen und mit den damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen. Auch „Summerhill“ ging nicht spurlos am Täle vorbei!Deine Kinder sind nicht deine Kinder, Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Sie kommen durch dich, aber nicht von dir, und obwohl sie bei dir sind, gehören sie dir nicht. Du kannst ihnen deine Liebe geben, aber nicht deine Gedanken. Du kann ihrem Körper ein Heim geben, aber nicht ihrer Seele, denn ihre Seele wohnt im Haus von morgen, das du nicht besuchen kannst, nicht einmal in deinen Träumen. Du kannst versuchen, ihnen gleich zu sein, aber suche nicht, sie dir gleich zu machen. Denn das Leben geht nicht rückwärts und verweilt nicht beim Gestern. Du bist der Bogen, von dem deine Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden. Laß Deine Bogenrundung in der Hand des Schützen Freude bedeuten. Kahlil Gibran (aus A.S. Neill „Summerhill“)
Die Auseinandersetzung mit diesen neuen Meinungen und Denkweisen schlägt sich auch ein wenig in einem Arbeitspapier des AK-Täle zum Thema „Was beim Waldheimsport beachtet werden sollte! (Jungen und Mädchen)“ nieder: „Vermeide viele Erklärungen, mache vor und turne mit“ „Langweile die Kinder nicht mit vielen Haltungsübungen“ und „Wähle altersgemäße Übungen und werde dem Spieltrieb des Kindes gerecht“ Dies soll ja wohl auch nicht bedeuten, daß in früheren Jahren, Tanten und Onkel nicht mitgemacht hätten, sondern mit ihren anvertrauten Kindern in militärischer Weise exerziert hätten? Aber es zeigt recht positiv, daß es wesentlich ist, seiner Sache sicher zu sein. Diese Sicherheit an die Kinder weiterzugeben, ist auch heute noch einer der wichtigsten pädagogischen Ziele: „Du bist der Bogen, von dem deine Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden“
Der Tagesablauf
Eines der wichtigsten Traditionen: Der Ablauf eines Tages. Feste Regeln gaben allen Beteiligten, Kindern oder Mitarbeitern, schon immer viel Sicherheit. Natürlich gab es schon immer vier Mahlzeiten am Tag - geht doch die Liebe durch den Magen! Viele Jahre war es der „Morgenkreis“, mit dem Kinder und Mitarbeiter gemeinsam den Tälestag begannen. Sicherlich gab es auch „Biblische Erzählungen“, zeitlich im Tagesablauf nicht festgemacht! Ab 1981 gab es eine „Morgenandacht“. Nach dem Morgenfrühstück werden hier im großen Kreis kindgemäß religiöse und soziale Themen besprochen. Und das hat eine Bandbreite vom Singen, Interviews, Puppentheater bis hin zur Aufforderung, zu einer Geschichte Bilder zu zeichnen oder etwas zu basteln.
In den „Hinweisen zum Tageslauf“ von 1976 aus den Zeiten Ulrich Rinckes steht: „Ab 11.30 können Sie das Geschirr für das Mittagessen holen. Das Essen selbst gibt es hallenweise, und zwar für die Waldhalle um 11.50, für die Alte Halle um 12 und für die Neue Halle um 12.10. “ Große Kinderzahlen machten es notwendig! Heute haben wir auch aus pädagogischen Gründen weniger Kinder, so daß nur die Alte Halle und die Neue Halle zum Essen benötigt werden. Da bleibt in der Waldhalle Platz zum Basteln. Und weiter ist zu lesen: „Mittagsruhe: Die Kleinen in der Waldhalle sollen auf den dort befindlichen Liegen liegen (und eventuell Lügengeschichten) hören. Alle anderen können es sich mit oder ohne Liegen am Waldrand gemütlich machen oder in der Halle ruhigere Spiele machen (Brettspiele).“ Heute gibt es ein Freispiel mit vielen Angeboten für die Kinder, die Liegen sind abgeschafft, durch Isomatten ersetzt und die Kinder können allein entscheiden, ob sie liegen, sitzen oder spazieren gehen. Im Angebot sind ruhigere Spiele, Brettspiele, Gesellschaftsspiele, Spiele im Sand, Geschichten erzählen, Yoga, Malen und Basteln. So sind in einigen Punkten im Ablauf eines Tages Änderungen gemacht worden und trotzdem blieb Bewährtes erhalten. Geändert hat sich auch die Einstellung zur „Aufsichtspflicht“: 1976 konnten die Mitarbeiter nach dem Frühstück „...noch einen Kaffee trinken und ein Wurstbrot inhalieren.“ Der Waldheimleiter mahnte im Hinblick auf die Aufsichtspflicht: „...hieraus nicht einen langwierigen Kaffeeklatsch zu machen.“ Heute können Mitarbeiter natürlich auch eine Pause machen aber „...sie müssen jederzeit wissen, was ihre Kinder tun. Die Kinder müssen das Gefühl haben, beaufsichtigt zu sein!“
Was sind denn „Tante und Onkel“?
Nicht nur in den Kindergärten gab es „Tanten“. In den Waldheimen nannte man die Mitarbeiter im pädagogischen Bereich bis in die 70er Jahre „Tante“ und „Onkel“.„Die Tanten werden stets jünger,
die Onkel immer dümmer,
doch ist auch nicht verkehrt,
das Ganze umgekehrt“
aus „Das Lied von oder für jeden“ (Täle 69)
Hinter dem Titel „Tante und Onkel“ steckt die Vorstellung, daß Gruppenleiter zu „ihren“ Kindern einen sehr persönlichen Bezug aufbauen. Die Zielvorstellung vom Aufbau und der Pflege persönlicher Beziehungen ist geblieben. Sie ist aber nicht im Titel verankert. „Gruppenleiter“ beschreibt die Aufgabe der Mitarbeiter von der pädagogischen Aufgabe her, Autorität zu erlangen. Der Gruppenleiter ist vom „Amt“ her Autorität, aber er muß sich diesen Stand erarbeiten, indem er das Vertrauen der Kinder erwirbt. Er kann sich seine Kinder nicht auswählen, er muß sie akzeptieren, wie sie sind. Er muß Vorbild sein, vermitteln und vereinbaren, welche Regeln in der Gruppe und im Täle gelten. Er wird auch darauf konsequent aufpassen, daß solche Vereinbarungen von allen Kindern in der Gruppe eingehalten werden können! Hier ist verlangt, daß er eine große Bereitschaft mitbringt, den Kindern in den vielen doch manchmal schwierigen Situationen zu helfen: Konflikte müssen miteinander ausgetragen werden. In den „Bemerkungen zum Stil“ von 1977 liest man u.a. „...Demokratisch-partnerschaftlicher Umgang mit den Kindern. Die Kinder selber Vorschläge machen lassen. Alle auftretenden Probleme ansprechen und mit den Kindern offen diskutieren. Sich selber dabei als Partner verstehen, der aber die Dinge aus der Sicht des Gruppenleiters sieht..“ oder „...Thema Strafe: Nur bei direktem Bezug zur Tat; unmittelbar nach der Tat; angemessen konsequent - plausibel. Der Strafe nach Möglichkeit vorbeugen durch engen Kontakt zu allen Kindern in der Gruppe durch gemeinsames Festlegen der Regeln und durch klare Verbote“.
„Technis“ - Mitarbeiter im technischen Bereich
Seit 1981 gibt es im „Eichholzer Täle" Mitarbeiter im technischen Bereich: „Technis“. Sie sind unsere jüngsten Mitarbeiter. Ihre Aufgabenstellung richtet sich nach dem, was andere Mitarbeiter zeitlich nicht tun können. Technis machen Tischdienst. Täglich vier mal Tische decken: Geschirr holen, abräumen, Tische putzen, Mithilfe bei der Essensausgabe in enger Zusammenarbeit mit den Küchenfrauen. Technis betreuen die Mitarbeiter- und Kinderbücherei: Bücherverleih, Kontrolle, Inventur, und die Reparatur beschädigter Bücher.Auch der WC-Dienst wird von den Technis gemacht: Kontrolle und Nachschub Seife, Papierhandtücher und Toilettenpapier. Technis arbeiten in der Materialverwaltung mit: einfache Ordnungs- und Reinigungsarbeiten, Rücknahme der Materialien, Werkzeuge und Spiele. Technis machen einen „Schnupperkurs“ in einer Kindergruppe: Sie haben die Möglichkeit, Einblicke in die Arbeit mit der Kindergruppe zu bekommen: Mitarbeit und Mitgestaltung bei der Vorbereitung der Gruppenarbeit; Materialien, Werkzeuge, Spiele, welche die Gruppe ausgeliehen hat, „betreuen“ und nach Gebrauch zurückgeben; einen Teil der Gruppenfreizeit durchführen. So erhalten die „Technis“ im Ferientagheim eine ganzheitliche Ausbildung.
